Nur e i n e n Sommer gönnt, ihr Gevvaltigen, und e i n e n Herbst zu reifem Gesange mir, dass vviiiger mein Herz, vom süssen
Spiele gesattiget, dann mir sterbe!1)
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
doch ist mir einst das Heii’ge, das am Herzen mir liegt, das Gedich2), gelungen:
wilikommen dann, o Stille der Schattem/veit! Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
mich nicht hinabgeleitel; e i n m a I
lebt’ ich wie Götter, und mehr bedarf’s nicht.
Aus dem Roman „Heinrich von Ofterdingen”
Friedrich von Hardenberg (Novalis)
Die Eltern iagen schon und schiiefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen takt, vor den kiappernden Fenstern sauste der Wind; abvvechselnd wurde die Stube heil von dem Schimmer des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager und gedachte des Fremden und seiner Erzahlungen. Nicht die Schatze sind es, die ein so unaussprechliches Ver- iangen in mir gevveckt haben, sagte er zu sich selbst; fernab liegt mir aHe Habsucht: aber die blaue BJume sehn’ ich mich
1) Alcâische Strophe.
2) Sein unvollendet gebliebenes Drama „E m p e d o I e s”; es be- handelt das Schicksal des a’ltgriechischen Philosophen Empedokles von Agrigent (5. Jh.)( der lange Zeit in seiner Vaterstadt eine fast göttliche Verehrung gerıoss, schliessliclr aber verbannt wurde und sich angeblich in einen Krater des Âtna stürzte. İn diesem Drama hoffte Hölderlin sein Grösstes zu geben, insbesondere seine ganze VVeltan- schauung niederzulegen : die Verklârung und Lâuterung des Men- schen durch das Leid, das ihm auferlegt wird.






